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BLOCK 57

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Block 57 auf Flurkarten von 1856, 1867, 1896 | Quelle www.berlin.de/sen/sbw/stadtdaten/geoportal/

Historischer Exkurs

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Block 57 auf Flurkarten von 1856, 1867, 1896 | Quelle www.berlin.de/sen/sbw/stadtdaten/geoportal/

Berlin wurde 1709 Haupt- und Residenzstadt von Preußen. Die wirtschaftsliberale Politik der Regierung ab 1800 veränderte das Sozial- und Wirtschaftsleben. Die Stadt expandierte, handwerkliche Produktionsformen wurden durch Fabriken verdrängt. Neben der Durchsetzung bürgerlicher Rechte, wie Freizügigkeit der Person und Gewerbefreiheit, wurden in dieser Zeit die Grundlagen zur privaten Verfügbarkeit von Grund und Boden angelegt.

Quellen
* Christiane Bascón-Borgelt, Astrid Deboldt-Kritter, Karin Gansauge, Kristina Hartmann: In der Luisenstadt. Studien zur Stadtgeschichte von Berlin Kreuzberg. Herausgeben von der Bauausstellung Berlin GmbH (IBA), Berlin: Transit Verlag 1983.
* Johan Friedrich Geist, Klaus Kürvers: Das Berliner Mietshaus 1862–1945, München: Prestel-Verlag 1984


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Postkarte vom Oranienplatz mit Blick auf Block 57 | etwa 1906 | aus dem Besitz von Hans Ulrich Fluß

Gründung der Luisenstadt

Block 57 liegt an der alten Dresdener Straße, südöstlich der ehemaligen Stadtgrenze. Das Gebiet Köpenicker Feld, wurde als Garten-, Acker- und Weidefläche genutzt. An der Spree siedelten sich Manufakturen und Fabriken an. 1802 erhielt das Gebiet den Namen Luisenstadt, benannt nach Königin Luise. 1826 wurde ein erster Bebauungsplan durch Oberbaurat Schmidt erstellt. Die kommunal politische Zielsetzung von König Friedrich Wilhelm IV. war die Entwicklung von Gewerbe, Industrie und Wohnungsbau. Mit dem Bau des Luisenstädtischen Kanals als Transportweg (1845–48) wurde die Infrastruktur zur Erschließung angelegt. Der Landschaftsplaner Peter Joseph Lenné war beauftragt, einen Bebauungsplan für das Gebiet zu entwerfen. Die Mängel der englischen Industriestädte im Blick, sorgte Lenné für die Durchgrünung des Quartiers. Vorgesehen waren Promenaden, Wasserläufe, Schmuck- und Sternplätze zur Erholung „für den fleißigen Handwerker und tätigen Fabrikarbeiter“*. Der Oranienplatz galt um 1900 als einer der schönsten Plätze Berlins. Die stadträumlich repräsentative Anlage ist in ihren Grundzügen bis heute erhalten.

* Peter Joseph Lenné

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Vermessung 1864 | Quelle: Grundbuchakte Oranienstraße 46

Kapitalisierung von Grund und Boden

Die Verantwortung für Berlins Stadtentwicklung teilten sich ab 1848 Staat und Kommune. Der Staat, respektive der preußische König, war für das Straßen- und Kanalisationssystem verantwortlich und die Kommune, das Berliner Stadtparlament, für den Boden. Das „Parlament der Hausbesitzer“, gewählt durch ein Dreiklassenwahlrecht (1848–1918), vertrat vorbehaltlos privatwirtschaftlich kapitalistische Interessen und war damit Treiber der einsetzenden Bau- und Bodenspekulation. 1853 verabschiedete das Berliner Stadtparlament per Bauordnung die uneingeschränkte wirtschaftliche Ausnutzung von Grund und Boden.

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Der Luisenstädtische Kanal wird zugeschüttet | Oranienplatz | 1926 | Foto aus dem Familienalbum von Hans Ulrich Fluß

Mischgebiet für Gewerbe und Wohnen

Die Luisenstadt entwickelte sich rasch zu einem Zentrum für Industrie und Gewerbe. Ehemalige Gartengrundstücke und Weideland wurden mit Wohnhäusern und Werkstätten bebaut. Eines der ältesten Häuser im Bezirk ist am Oranienplatz Nr. 5 im Block 57. Manufakturen und kleine Fabriken siedelten neben Handwerksbetrieben. In der Zeit bildete sich die Berliner Blockbauweise mit ihrer Mischung aus Gewerbe und Wohnen aus. Die rapide wachsende Bevölkerung mit ihrem Bedarf an Wohnraum erzeugte einen hohen Druck auf die Wohnungsnachfrage. Bodenspekulation und Mietshäuser waren ein einträgliches Geschäftsmodell.
Die Luisenstadt entwickelte sich rasch zu einem Zentrum für Industrie und Gewerbe. Ehemalige Gartengrundstücke und Weideland wurden mit Wohnhäusern und Werkstätten bebaut. Eines der ältesten Häuser im Bezirk ist am Oranienplatz Nr. 5 im Block 57. Manufakturen und kleine Fabriken siedelten neben Handwerksbetrieben. In der Zeit bildete sich die Berliner Blockbauweise mit ihrer Mischung aus Gewerbe und Wohnen aus. Die rapide wachsende Bevölkerung mit ihrem Bedarf an Wohnraum erzeugte einen hohen Druck auf die Wohnungsnachfrage. Bodenspekulation und Mietshäuser waren ein einträgliches Geschäftsmodell. So setzte sich bis 1875 der vier- bis fünfgeschossige Mietwohnungsbau mit Läden im Hochparterre und Souterrain im Vorderhaus, Kleinwohnungen in Quer- und Hinterhäusern mit Werkstätten und Hoffabriken durch. Die Luisenstadt wurde der am dichtesten besiedelte Bezirk Berlins. Diese Raumaufteilung ist in Block 57 bis heute geblieben.

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Oranienplatz | 1940 | Foto aus dem Familienalbum von Hans Ulrich Fluß

Weimarer Republik und Nationalsozialismus

Nach dem Ersten Weltkrieg ging die Luisenstadt als Teil von Kreuzberg in Groß-Berlin auf. 1924 wurde der Luisenstädtische Kanal zugeschüttet, die Wasserstraße hatte sich zu einem stinkenden Rinnsal entwickelt. In den 1930er Jahren war die Gegend Schauplatz von Straßen- und Machtkämpfen zwischen Kommunisten und Nationalsozialisten. Die jüdischen Gewerbe wurden „arisiert“, jüdische Anwohner*innen, die nicht emigrieren oder fliehen konnten, wurden deportiert und größtenteils ermordet. Zwei Stolpersteine erinnern an das Schicksal jüdischer Bewohner*innen von Block 57, und damit an die Zeit des Nationalsozialismus und seine Folgen.

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Aleviten feiern auf dem Oranienplatz | 1979 | Foto aus dem Familienalbum von Hans Ulrich Fluß

Geteiltes Berlin – neue Lebensformen im Schatten der Mauer

Nach dem Ende des Krieges wurde das fast vollständig erhaltene Gebiet geteilt. Die Mauer verlief direkt hinter dem Block 57. Im Westteil sollte das Gebiet nach verkehrsplanerischen Vorstellungen der 1950er Jahre neu geordnet werden. Geplant war, die Oranienstraße zur Stadtautobahn und den Oranienplatz zum Autobahnkreuz auszubauen; totaler Abriss und Neubau mit brachialer Straßenführung waren der Masterplan. Trotz Bürger*innenproteste investierte die öffentliche Hand in diesen Sanierungsplan im Interesse von Grundstücksbesitzern und Baugesellschaften. In dem abrissgefährdeten Gebiet waren die Mieten niedrig. Arbeitsmigrant*innen, zumeist aus der Türkei, Student*innen, Wehrdienstverweigerer und alternative Betriebe siedelten sich an. Es entstand eine lebendige Mischkultur.
Nach dem Ende des Krieges wurde das fast vollständig erhaltene Gebiet geteilt. Die Mauer verlief direkt hinter dem Block 57. Im Westteil sollte das Gebiet nach verkehrsplanerischen Vorstellungen der 1950er Jahre neu geordnet werden. Geplant war, die Oranienstraße zur Stadtautobahn und den Oranienplatz zum Autobahnkreuz auszubauen; totaler Abriss und Neubau mit brachialer Straßenführung waren der Masterplan. Trotz Bürger*innenproteste investierte die öffentliche Hand in diesen Sanierungsplan im Interesse von Grundstücksbesitzern und Baugesellschaften. In dem abrissgefährdeten Gebiet waren die Mieten niedrig. Arbeitsmigrant*innen, zumeist aus der Türkei, Student*innen, Wehrdienstverweigerer und alternative Betriebe siedelten sich an. Es entstand eine lebendige Mischkultur.
Stadtpolitische Vernachlässigung und hundertfacher Wohnungsleerstand brachte eine Welle des Widerstandes ins Rollen. 1980/81 wurden bis zu 170 Häuser in Berlin besetzt. Der Block 57 bildete eine Hochburg der Besetzer*innenszene. Ab Mitte der 1980er Jahre wurde die städtebauliche Zielsetzung für das Sanierungsgebiet neu ausgerichtet: eine behutsame Stadterneuerung, ohne Verdrängung oder bauplanerische Vergewaltigung, schrittweise, Haus für Haus. Begleitet durch die IBA, die Internationale Bauausstellung von 1983 und 1987, wurden neue Formen subventionierter Trägerschaften geschaffen. Fast alle Grundstücke von Block 57 waren damals im Besitz der Stadt Berlin. In dieser Zeit wurde die Dresdener Straße 116 entkernt und das Vorderhaus durch einen Neubau ersetzt.

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Neue Bebauung auf dem ehemaligen Mauerstreifen hinter Block 57 | 2023

Öffnung der Mauer – Gentrifizierung und Widerstand

Durch den Mauerfall rutschte Kreuzberg ins Zentrum der neuen Hauptstadt und damit in den Fokus von internationalen Investoren und Spekulanten. Das Land Berlin brauchte Geld und verkaufte einen großen Teil seiner Immobilien. Diese Entscheidung traf auch Block 57. 2001 bestand für die bisherigen Mieter*innen ein kurzes Zeitfenster, um ihre Wohnung bzw. das ganze Haus zu kaufen, bevor es anderen Investoren angeboten wurde.
Durch den Mauerfall rutschte Kreuzberg ins Zentrum der neuen Hauptstadt und damit in den Fokus von internationalen Investoren und Spekulanten. Das Land Berlin brauchte Geld und verkaufte einen großen Teil seiner Immobilien. Diese Entscheidung traf auch Block 57. 2001 bestand für die bisherigen Mieter*innen ein kurzes Zeitfenster, um ihre Wohnung bzw. das ganze Haus zu kaufen, bevor es anderen Investoren angeboten wurde. Die Oranienstraße 45 hatte durch die frühere Hausbesetzung eine gemeinschaftliche Mieter*innenstruktur aufgebaut und konnte das Angebot annehmen. Sie gehört heute zum Mietshäuser Syndikat und ist damit dem Kapitalmarkt entzogen. Für andere Häuser haben sich Mieter*innen zu Eigentümergemeinschaften zusammengeschlossen oder wurden von einzelnen ehemaligen Mieter*innen gekauft. Ein Teil ist noch im Besitz eines kommunalen Immobilienunternehmens des Landes Berlin. Gegen den weiter wachsenden Druck der Verdrängung haben sich unterschiedliche Initiativen gebildet, zusammengesetzt aus Mieter*innen, Gewerbetreibenden, Künstler*innen und anderen Aktivist*innen. Sie leisten Widerstand und erarbeiten alternative Vorschläge für einen Stadtbezirk pluralistischer Praxis. Block 57 ist ein Teil davon.